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"WELT" VOM 25. APRIL 2004 |
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Aus der Welt des Teufels
Eine neue Stiftung will sich für die Opfer satanistischer Gewalt einsetzen -- und dafür, daßihnen geglaubt wird
von Till Stoldt
Von der eigenen Mutter. Zu zweit. Zu dritt. Auf Friedhöfen. In den Gärten abgelegener Villen. Mit Nadeln. Mit schwarzen Kerzen. über Jahre hinweg. Die Täter trugen schwarze Kutten mit Sehschlitzen, um ihr Opfer auch leiden zu sehen. Nur der Ordensführer hatte eine Stiermaske auf dem Kopf.
Was Nicki aus Gütersloh angeblich durchlitten hat, ist kaum vorstellbar. Zu grausam ist die Folter, der Mißbrauch, den sie in einem Satanisten-Orden erlebt haben will. Phantastereien? Nicki, heute 42~Jahre alt, beteuert, die Wahrheit zu sagen. Aber es klingt doch unglaublich.
``Gerade die Unglaublichkeit dieser Verbrechen ist ihr bester Schutz'', warnt Renate Rennebach, ehemalige Sektenexpertin der SPD-Bundestagsfraktion. Weil sie die geschilderten Vorwürfe einfach nicht glauben könnten, gäben auch Ermittlungsbehörden oft zu schnell auf, wenn Satanisten-Opfer Anzeige erstatteten. Aus diesem Grund baut Rennebach derzeit eine Stiftung für Opfer satanistischer Gewalt auf. Sie will Menschen davon überzeugen, daßdie schauerlichen Berichte nicht frei erfunden sind. Und setzt sich für eine zentrale Erfassungsstelle satanistischer Gewalttaten ein.
Doch auch ihr begegnet Skepsis. Schließlich klingt es fast nach Verschwörungstheorie, wenn sie die ``Szene'' schildert: den hohen Organisationsgrad der Täter, unter denen sich auch ärzte und Anwälte befänden. Die absolute Verschwiegenheit. Jedes Wochenende fänden in Deutschland schwarze Messen statt. Oft würden dort Babys hingerichtet, die dazu mit osteuropäischen Prostituierten gezeugt worden seien.
Auch Nicki erzählt, als Teenie habe sie ein Kind geboren, das auf der Wewelsburg (der ehemaligen SS-Kultstätte in Westfalen) erstochen worden sei. Niemand habe davon etwas mitbekommen, es gab ja Gynäkologen im Orden. Kaum zu glauben. Und sie kann ihre Schreckensberichte nicht belegen. Das Ermittlungsverfahren, das auf ihre Anzeige hin 2001 eingeleitet wurde, ist eingestellt worden. ähnlich endeten die Anzeigen anderer Satanisten-Opfer.
Dabei gibt es Fakten: Nicki wurde erwiesenermaßen von ihrem Stiefvater sexuell mißbraucht. Und: Ihr Uterus und die Eierstöcke wurden so schwer verletzt, daß sie entfernt werden mußten. Sie selber schildert ihre Jugend so: ``Unsere Mutter und unser Stiefvater waren Handlanger des Ordens. Von klein auf brachten sie uns zu den Messen.''
Sie sagt ``uns'' und ``wir'', sie spricht von sich in der ersten Person Plural --- weil sie an ``MPS'' leidet. Multiple Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht nur Nicki, sondern auch Burckhard, der den Tätern hörig war, oder Nehle, ein widerspenstiges Kind. Um die 70~Innenpersonen leben in Nicki. Bei Psychiatern ist dieses Krankheitsbild umstritten. Die einen halten es für die Folge extremer Schmerzerlebnisse in frühester Kindheit, die nur durch Ausbildung weiterer Persönlichkeiten erträglich wurden. Andere sprechen von Schauspielerei psychisch Kranker.
Ingolf Christiansen, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche, hat schon ein Dutzend an MPS erkrankter Satanisten-Aussteiger begutachtet. Er ist sicher, ``daßsich in vielen Fällen eigene Erinnerungen und Schilderungen anderer überlappen''. Aber er glaubt auch, daßmeist ein wahrer Kern dahinter stecke: Mißbrauch und Folter mit zumindest satanistischer Kostümierung. Auch daßjemand über Jahre gefoltert werde, ohne daßirgendwem etwas auffalle, sei ``durchaus denkbar''. Denn: ``Die Opfer wurden von Kindheit an einer Hirnwäsche unterzogen. Sie lernten schweigend zu leiden.''
So erzählt es auch Nicki. Nie traute sie sich, darüber zu sprechen. Selbst als sie mit 18 Jahren von zu Hause wegzog. Zudem wurde sie immer wieder rückfällig. Wenn einige ihrer Innenpersonen die Herrschaft über das Bewusstsein erlangten, riefen sie den Stiefvater an, um ihren Aufenthaltsort zu verraten. Bald darauf stand er vor der Tür und holte sie ab.
``Trainierte Opfer'', erklärt Renate Rennebach, ``sind für die Täter ein kostbares Gut. Denn sie können Schmerzen ertragen, die jeden anderen umbrächten.''
Solchen Menschen beim Ausstieg zu helfen ist ein weiteres Ziel von Rennebachs Stiftung. Bisher fehlt es an allem: an Fluchtzentren für Opfer, in denen sie vor Tätern und sich selbst geschützt werden, an Therapeuten für MPS-Kranke --- und an Geld, eine Langzeittherapie zu finanzieren. Denn Krankenkassen zahlen allenfalls 110 bis 150~Stunden Therapie. Für eine langjährige Behandlung, wie sie in solchen Extremfällen nötig ist, kommt dagegen niemand auf.
Auch Nicki konnte sich die Behandlung nur leisten, weil sie eine Therapeutin fand, die zum Selbstkostenpreis arbeitet. Dadurch gelang ihr ein Ausgleich zwischen ihren Persönlichkeiten. ``Inzwischen sprechen wir uns untereinander ab, wann wer an die Reihe kommt'', sagt sie lachend. Für Nehle zum Beispiel, das trotzige Kind, hat sie ein Kinderzimmer eingerichtet, in dem sie mit Teddybären kuscheln kann.
Ihr Leben ist stabil geworden. Sie arbeitet als Verwaltungsangestellte und lebt seit Jahren rein freundschaftlich mit einem Mann zusammen. In ihrer Freizeit organisiert sie Vortrags- und Gesprächsabende, auf denen sie die öffentlichkeit von der Realität einer organisierten Satanisten-Szene zu überzeugen sucht. ``Stellen Sie sich vor'', appelliert sie an die Zuhörer, ``wir würden die Wahrheit sagen. Dann hätten wir wirklich die Hölle erlebt. Wäre es dann nicht normal, daßwir auf diese Horror-Welt hinweisen?''
Artikel erschienen am 25. April 2004
(c) WAMS.de 1995--2005
Vollständige URL des Artikels: http://www.welt.de/print-wams/article109462/Aus_der_Welt_des_Teufels.html
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