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LESUNG |
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Beginn der Lesung.
„Es ist alles in Ordnung, sie war nur einen Moment eingeschlafen, kein Grund zur Panik. Sie mußte ruhig bleiben, das was das wichtigste. Nicht die Nerven verlieren, irgendwann würde sie schon herausfinden, wo sie war, in wessen Wohnung. Sie fand es meistens heraus, sie war sehr geschickt darin, nichts anmerken lassen, gut zuhören, genau beobachten und ruhig bleiben. Manches allerdings fand sie nie heraus, wie sie an die fremden Orte gekommen war, was vorher geschehen war, aber sie hatte aufgehört danach zufragen, sie hakte die Vergangenheit ab, sammelte ein paar lose Fäden auf und machte weiter.
Diesmal lag sie auf einer Couch, einer fremden Couch. Rauher Stoff, Leinen vielleicht, braun mit grauen Streifen, ein paar Kissen, nicht ihr Geschmack. Ein Aquarium, ein Bücherregal, vier Fenster, alle zu, nur eine Tür, auch die geschlossen. Nur keinen Fehler machen. Sie blieb reglos liegen und lauschte.
Stille hinter der Tür. Offenbar war sie allein. Gut, das ließ ihr Zeit sich umzuschauen, sich vertraut zu machen. Manchmal, das kannte sie schon, wurde sie ohnmächtig und wachte an einem anderen Ort wieder auf. Zu Hause wenn sie Glück hatte, irgendwo auf der Straße, nachts ohne Hausschlüssel, wenn sie Pech hatte. Auf alle Fälle war es besser, erst einmal alleine zu sein, dann mußte man nichts erklären, nicht lügen.
Sie streckte die Beine aus, vorsichtig, bewegte die Arme, die Finger. Nein keine Schmerzen, gut. Sie schaute auf ihre Armbanduhr, aber das war überhaupt nicht ihre. Diese Uhr hatte sie noch nie gesehen. Eigentlich war es gar keine richtige Uhr, es gab kein Zifferblatt und keine Zeiger, sondern nur eine Reihe Zahlen. 15:37:23 stand da. Die letzten Zahlen veränderten sich ständig. Sie hatte so eine neumodische Uhr vor kurzem in einem Schaufenster betrachtet, und am Arm eines Geschäftsfreundes ihres Vaters war auch mal eine gewesen. Aber sie selbst besaß so etwas nicht. Außerdem wäre ihr Bruder der erste, der eine solches Geschenk bekäme, nicht sie. Auch dies hakte sie ab wie die meisten Überraschungen in ihren Leben.
Weitermachen. Sie setzte sich auf, legte ihre Hand auf den Tisch, ein niedriger schwerer Couchtisch, darauf ein Aschenbecher mit einer halbgerauchten glimmenden Zigarette. Glimmenden Zigarette, ihr wurde heiß vor Panik, hier war vor kurzem geraucht worden. Es war doch noch jemand in der Wohnung, leise stand sie auf, strich sich die kurzen Haare aus dem Gesicht, ging zur Tür und drückte langsam die Klinke herunter.
Der Flur war schmal, lang und dunkel. Sie suchte nach einem Lichtschalter, nein, besser kein Licht. Sechs Türen konnte sie erkennen, zwei standen offen. Gegenüber wahrscheinlich die Wohnungstür. Der Schlüssel steckte im Schloß, sie rannte los, drehte den Schlüssel herum, drückte die Klinke herunter. Die Tür blieb verschlossen.
Raus, ich will raus hier, sie rüttelte an der Klinke, riß an ihr, schmiß sich gegen den Holzrahmen, schlug mit den Fäusten gegen die Milchglasscheiben, mit dem Kopf. „Zweimal aufschießen“, sagte eine Stimme, sie fuhr herum, aber da war niemand. Als sie wieder nach dem Schlüssel griff, zitterte ihre Hand so sehr, daß er ihr aus dem Schloß rutschte und das Schlüsselbund auf den Holzboden knallte. Es klang wie ein Schuß. Sie hatte das Gefühl innerlich wegzusacken.
Jetzt ganz ruhig bleiben. Sie ließ sich mit dem Rücken an der Wand herunter, griff nach dem Schlüssel und schob sich wieder hoch. Sie sah sich nicht um, steckte den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn zweimal herum, die Tür öffnete sich. Sie raste das Treppenhaus herunter, drei, vier Stufen überspringend, bitte, bitte keine verschlossene Haustür.
Sie stand auf der Straße und schaute sich um, hier war sie noch nie gewesen. Kopfsteinpflaster, und ein Trecker tuckerte vorbei. In der Ferne eine Weide, ein paar Kühe, es roch feucht nach Regen und Stall. Ein Dorf war das, und sie kam aus der Großstadt. Also war sie weit weg von zu Hause.
Sie ging die Straße entlang, fand ein Straßenschild, aber den Namen kannte sie nicht. Und alle Bäume voller Blätter. Gestern waren sie noch kahl gewesen. Überhaupt war es ziemlich warm für März, gestern noch hatte ein kalter Wind geweht. War sie etwa im Süden? Gestern hatte die Sonne zwar geschienen, aber es war so kühl gewesen, daß ihre Mutter angeordnet hätte, sie müsse einen Wintermantel tragen. Sie hatte dann auch gehorcht. Wenn sie gehorchte, hatte sie bessere Chancen, nicht schon wieder einige Stunden zu verlieren, soviel hatte sie inzwischen herausgekriegt.
Sie schaute an sich herunter und erschrak. Zerfetzte Jeans, wenn ihre Mutter das merkte, lauter Einschnitte wie mit Absicht. Man konnte die Haut darunter sehen. Wessen Jeans waren das überhaupt? Ihre mit Sicherheit nicht. Sie griff in die Hosentasche, fand aber nichts. Auch die Schuhe gehörten ihr nicht, merkwürdige bunte Turnschuhe. Ein Name stand darauf, `Reebok`. Ihrer war das nicht. Einfach weitergehen. Ein Auto hupte. Jemand, den sie nicht kannte, winkte und fuhr vorüber. Wieso hatte der gehupt? fragte sie sich. Aber nur einen Moment
Autokennzeichen, dachte sie dann, daran kann man erkennen, wo man ist. Sie lief zu drei Wagen, die in der Nähe parkten. FL - Flensburg, das war im Norden. Jedenfalls nicht in der Nähe von Köln. Wie war sie hierher gekommen? Nein, nicht die falschen Fragen stellen. Wie kam sie wieder nach Hause? Das war die richtige Frage.
Weiter vorne eilte ihr auf ihrer Straßenseite ein Mann entgegen. Groß, hager, sehr schnelle Schritte. Er trug einen Hut, so daß sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. Angst. Sie drehte sich um und rannte zu dem Haus, aus dem sie gekommen war. Die Hautür stand noch offen, sie lief hinein und zog sie hinter sich zu. Hatte er sie gesehen, sich gemerkt wohin sie rannte? Wenn er nun kam? Wovor hatte sie eigentlich Angst? Sie wußte keine Antwort. Kannte sie den Mann? Nein. Oder doch? Bestimmt nicht. Warum war sie dann weggerannt? Sie wußte es nicht. Und warum wieder hierher? Wohin denn sonst? Sie mußte wieder in die fremde Wohnung, um einen Faden zu finden. Irgendwo mußte sie ja anfangen. So macht sie es immer. Und wenn sie draußen auch Angst hatte, konnte sie genau so gut auch drinnen bleiben.
Langsam stieg sie die Treppe wieder hoch, die Wohnungstür war noch angelehnt. Sie klingelte, zweimal. Niemand kam. Neben der Klingel stand ein Name, `Lenz`. Sie kannte keinen, der so hieß.
„Hallo“, rief sie laut und klingelte noch mal. Aber nichts. Sie betrat die Wohnung, ließ die Tür jedoch offen. Im Flur war eine Garderobe mit dem lebensgroßem Foto einer Frau. Entfernt sah sie ihr ähnlich, hatte aber lange Haare und war viel älter. Eine Tante, von der sie nichts gewußt hatte? Waren sie vielleicht in diese Wohnung gefahren, um hier zu übernachten, gestern nach der Beerdigung? Vielleicht waren ihre Mutter und ihr Bruder nur für kurze Zeit fortgegangen und gleich kämen sie wieder.
Genau, so mußte es sein. Gleich stehen sie vor der Tür, und alles klärt sich auf. Aber wieso kam ihr denn überhaupt nichts bekannt vor? Sie mußte sich doch umgeschaut haben, bevor sie einschlief. Egal, nicht darüber nachdenken.
Langsam öffnete sie alle Türen der Wohnung. In der Ecke bewegte sich etwas, ein Hund. Ein junger Boxer, er wedelte mit seinem kurzen Schwanz, stand auf, gähnte, reckte sich und kam auf sie zu. Sie hielt ihm die Hand hin, und er leckte daran. Toller Wachhund dachte sie, kennt mich nicht und schließt gleich Freundschaft. Als sie sich überzeugt hatte, daß außer dem Hund und ihr niemand in der Wohnung war, verschloß sie die Wohnungstür und richtete sich ein. Öffnete Schränke, zog Schubladen auf und nahm Bücher in die Hand.
Es war, als versuche sie Pflöcke einzuschlagen in die Wirklichkeit, aber die Wirklichkeit sackte weg wie Treibsand.
Im Schlafzimmer fand sie einen Umschlag mit Fotos, Familienaufnahmen. Eine Frau mit langen blonden Haaren. War es die vom Poster im Flur? Kinder, eigentlich zu alt. um ein Kind der Frau zu sein. Hinter ihr ein älterer Mann, die Ärmel hoch gekrempelt, zupackend, beschützend sah er aus. Alle vollkommen fremd. Die Panik kam wieder.
Papi, dachte sie, hilf mir doch. Er hatte ihr immer geholfen, gegen die Mutter und den Bruder. Sie hatte ihn so lieb gehabt. Gestern war er beerdigt worden, das war das Ende ihrer wunderbaren Kindheit. Ihr Vater hatte sie im Stich gelassen, und sie war doch gerade erst 13. Er war tot, jetzt sah sie wieder den Sarg vor sich und das Grab, in das sie gestern geschaut hatte. Spürte Einsamkeit, Angst, Verzweifelung. Sie stand in der fremden Wohnung, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Eine Hand drückte ihr die Kehle zu, sie ließ sich auf das Bett fallen und weinte ihre Trauer in die fremden Kissen, denn nun war niemand mehr da, der sagte: Nun reiß dich doch mal zusammen. Wie gestern, am Grab, da hatte sie nicht weinen dürfen.“
Jetzt lasse ich ein paar Passagen aus. Die Beerdigungspassage und noch eine zweite. Sie hat jetzt in der Wohnung geschlafen und wacht wieder auf. Nun geht es weiter:
„Sie öffnete ihre Augen, ihre Lider fühlten sich dick an. Dick und heiß vom Weinen. Sie schaute sich um, immer noch war sie in der fremden Wohnung, lag auf dem Bett. Sie sah zum Fenster, draußen war es hell. War es Morgen, Mittag, Nachmittag? Sie war jetzt ziemlich sicher, daß sie bei der Beerdigung das Bewußtsein verloren hatte, natürlich sie war mal wieder zusammengeklappt, war ja auch ganz verständlich. Aber so verheult durfte sie trotzdem nicht aussehen, wenn die Mutter zurückkam, mit der Frau mußte sie jetzt auskommen.
Sie ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Ließ das Wasser laufen, bis es ganz kalt war. Hielt die Handgelenke darunter, bis sie froren. Beugte sich hinab und ließ den Strahl über das Gesicht laufen, lange. Richtete sich auf und erstarrte vor dem Spiegel. Da war eine Frau im Spiegel. Aber das war nicht sie, das war eine erwachsene Frau, die war alt, viel älter als sie. Mindestens dreißig oder vierzig Jahre, war die alt. Lange Haare hatte sie und sah genau so aus wie auf dem Bild im Flur. Sie rannte zurück auf den Flur zum Poster, aber das war gar kein Poster, das war auch ein Spiegel, das war dieselbe Frau wie im Bad. Langhaarig. Das war nicht sie. Sie hatte kurze Haare. Sie starrte in den Spiegel, das Bild flackerte, einen Moment sah sie sich wieder jung, kurzhaarig. Sie griff sich in die Haare, die Frau im Spiegel machte dasselbe. Beide hatten sie lange Haare. Die Frau im Spiegel trug dieselben zerschnittenen Jeans, sie macht genau dieselben Bewegungen, und dann öffnete sie den Mund. „Nein“, sagte sie, „das ist nicht wahr. „
Sie wußte, daß sie manchmal für ein paar Stunden ohnmächtig wurde. Daß es hinteran oft Schwierigkeiten gab. Aber das waren ein paar Stunden oder ein Tag, höchstens mal drei oder auch vier. Fünf. Dies hier konnte nicht sein.
Sie lief durch die Wohnung und fand eine Zeitung. Donnerstag, 9. September, 1993 stand da, auf jedem Blatt. In der Küche hing ein Kalender mit dem selben Datum. Dabei war es doch 1975, der 12. März 1975. Am 11. März war der Papi beerdigt worden, gestern.
Merkwürdige Leute mußten das hier sein, die hier wohnen, aber darüber wollte sie nicht nachdenken, das war unwichtig. Wichtig war, wie kam sie aus diesem Alptraum heraus? Zuhause anrufen, dachte sie plötzlich und begann ein Telefon zu suchen. Es stand im Wohnzimmer und sah ganz anders aus als alle Telefone, die sie kannte. Dieses hatte keine Wählscheibe, zuerst wußte sie nicht, was sie machen sollte. Dann drückte sie schließlich auf die Tasten und wählte die Nummer ihrer Mutter.
Eine Männerstimme meldete sich, eine unbekannte Stimme. Sie erschrak und legte auf. Was bedeutete das? Dann fiel es ihr ein, sie war ja in einer ganz anderen Stadt, sie hatte die Vorwahl vergessen! Sie wählte erneut, diesmal meldete sich eine fremde Frau. Wieder wollte sie auflegen, nahm sich dann aber zusammen und fragte: „Könnte ich bitte Frau Bahr sprechen?“
Und hörte, was sie befürchtete hatte: Keine Frau Bahr. Unbekannt. Nie gehört. Stimmt denn die Adresse? Ja, sagte die Stimme auf der anderen Seite, außerdem wohnte man hier schon seit ein paar Jahren.
Wo sind den dann wir, fragte sie sich. Sie, die Mutter, der Bruder, so etwas gibt es nicht. Das passiert im Märchen, nicht im wirklichem Leben. Bei den Heinzelmännchen und Dornröschen, die man gestochen hatte. Aber hier gab es keine Heinzelmännchen, mit denen sie tanzte, während die Jahre vergingen, ohne daß sie es merkte, und schon gar keinen Prinzen, der sie wachküssen könnte. Sie schlief ja noch nicht einmal, das wäre schön gewesen, aber inzwischen hatte sie sich die Arme schon blau gekniffen und war nicht davon aufgewacht. Offenbar war sie wach, und offenbar mußte sie sich wieder einmal ganz alleine zurechtfinden. Ganz allein.
Ruhig bleiben, dachte sie in ihre Panik hinein. Denn das war das wichtigste. Wenn sie ruhig blieb, würde alles vorübergehen. So wie immer. Auch wenn etwas wehtat oder blutete. Denn auch das ging vorbei.
Über dem Telefon hing ein Zettel an der Wand, den sie jetzt zum ersten Mal sah, „Notfallnummer, für alle die dringend Hilfe brauchen“ stand da. Konnte sie dort anrufen, bei fremden Leuten? Lieber nicht. Oder doch? Aber wenn einer Hilfe brauchte, dann doch sie, eingeschlossen in einen fremden Körper, in einer fremden Welt.
Etwas ließ sie zögern, aber was hatte sie denn noch zu verlieren? Sie wählte, eine Stimme meldete sich „Nina Temberg“, eine Frauenstimme, freundlich weich.
„Hallo“, sagte sie zaghaft zu der fremden Stimme, räusperte sich und schwieg. Was sollte sie sagen? Manchmal, das wußte sie schon, kannten Menschen sie, an die sie sich nicht erinnern konnte. So fragte sie: „Kennen Sie mich?“ Die Frau auf der anderen Seite zögerte, und dann erwiderte sie: „Ich glaube ja, ich bin mir aber nicht ganz sicher.“ Was war das für eine Antwort? Dann fragte die Frau: „Wer bist du denn? „Ich bin Stefanie“, dachte sie, aber sie wußte auch, daß sie sich niemals so nennen durfte. So sagte sie ihren offiziellen Namen, Angela Bahr. Aber die fremde Frau ließ nicht locker. Ob es nicht doch noch einen anderen Namen gäbe, wollte sie wissen. Einen, den sonst niemand kenne, einen, den sie nur für sich selbst habe. Sie zögerte, ihr Name war geheim, noch nie hatte sie ihn ausgesprochen. Ein starkes Gefühl warnte sie davor, als hätte jemand es ihr bei schwerer Strafe verboten. Aber gleichzeitig war da etwas in dieser unbekannten Stimme, dem sie traute. Deshalb verriet sie es ihr schließlich: „Ich heiße Stefanie.“ „Stefanie“, sagte die Stimme und ihr wurde so wohl, als sie sie hörte. „Stefanie, du brauchst keine Angst zu haben, sei ganz ruhig, du bist in Sicherheit.“ „In Sicherheit? Aber ich weiß doch überhaupt nicht, wo ich bin, hier war ich noch nie, hier ist nur dieser Zettel über dem Telefon, Notrufnummer, deshalb hab ich Sie angerufen. Das ist eine ganz fremde Wohnung, die gehört irgendwelchen anderen Leuten. Ich weiß nicht, wie ich hergekommen bin, ich kenne die ganze Gegend nicht. Das ist ein blödes Dorf hier, ich wohne in Köln. Ich will nach Hause, ich will zu meinem Papi, können Sie mir nicht sagen, wo mein Papi ist?“ Sie fing wieder an zu weinen. „Und gleich kommt meine Mutter zurück, dann darf ich nicht weinen.“ „Stefanie, deine Mutter kommt nicht zurück, du brauchst keine Angst zu haben. Sei ganz ruhig“. Irgendwie wurde sie wirklich ruhig bei der Stimme, obwohl sie die Frau überhaupt nicht kannte. Was die erzählte, war auch eher beunruhigend als beruhigend. Wieso kam ihre Mutter nicht zurück, und woher konnte diese fremde Frau das überhaupt wissen? „Dir geschieht nichts,“ fuhr die fort, und Stefanie wollte am liebsten immer nur diese Stimme hören. „Du bist in Sicherheit, haben dir die anderen das nicht erzählt?“ Das war schon wieder beunruhigend. „Welche anderen? Hier sind keine anderen. Ich bin ganz allein in der Wohnung. Hier ist niemand, nur ein doofer Hund.“
Dann traute sie sich die gefährliche Frage zustellen, die sie sonst immer vermied: „Woher kennen Sie mich eigentlich?“ Die Frau macht eine Pause, Stefanie hörte, wie sie Luft holte. Hätte sie das nicht fragen dürfen? Sie spürte eine kleine Unsicherheit in der Stimme der Frau, als sie sagte: „Ich kenne dich noch nicht persönlich, aber die anderen haben mir schon sehr viel von dir erzählt. Die machen eine Therapie bei mir. Ich bin Therapeutin.“
Schon wieder die anderen, das war jetzt richtig unheimlich. Es kannte sie doch keiner, niemand wußte das es Stefanie gab. Niemand durfte es wissen. Sie zögerte, dann wagte sie nach ihnen zu fragen: „Welche anderen denn bloß?“ „Du wirst sie alle kennenlernen, Sarah und Traute, Martha, Miranda und Magda. Und die anderen. Sie haben dich sehr vermißt, sie haben sich sehr gewünscht, daß du wiederkommst.“ Das wurde hier immer verrückter. Wie konnte sie jemand vermissen, den sie nicht kannte? Die Frau redete wirres Zeug, aber sie hatte so eine schöne Stimme. Sie sollte weiterreden. Als ob sie das gehört hätte, fuhr die Frau fort: „Am besten setzt du dich auf einen bequemen Stuhl, Stefanie und entspannst dich. Du mußt ruhig werden.“ Das sagte sie sich ja schon selbst immer, aber jeden Moment konnten hier fremde Leute hereinkommen, und dann mußte sie doch wissen, wo sie war. „Hier ist alles so komisch“, fiel ihr wieder ein. „Ich verstehe das nicht, Zeitungen liegen hier rum mit dem falschem Datum. Ich hab Sachen an, die ich nicht kenne, meine sind das bestimmt nicht. Im Spiegel hab ich lange Haare, dabei sind meine Haare doch ganz kurz. Ich hab solche Angst.“ Die Frau machte eine lange Pause. Dann sagte sie: „Kennst du das nicht, daß manchmal Zeit vergeht, ohne daß du es merkst? Diesmal ist einfach etwas mehr Zeit vergangen.“ Und ob sie das kannte, aber bisher hatte sie geglaubt, nur ihr passiere so etwas. Hin und wieder hatte sie vorsichtig danach gefragt, in ihrer Klasse, bei Freundinnen. Aber die konnten wie aus der Pistole geschossen erzählen, was sie gestern Abend gemacht hatten. Oder am vorherigem Wochenende. Und ganz genau wußten alle, wo sie in den letzten Ferien gewesen waren. Nur Stefanie hatte keine Ahnung, aber das durfte niemand wissen. Kannte die fremde Frau das etwa auch? „Du wirst das alles verstehen, Stefanie. Ich verspreche dir, daß ich dir alles erkläre, wenn wir uns sehen, aber jetzt mußt du dahin zurückgehen, woher du gekommen bist.“ Was sollte denn das nun wieder? Wo sie hergekommen war. Stefanie war vollkommen verwirrt: „Ich weiß nicht wo ich her gekommen bin, ich war zuletzt bei dem Grab von meinem Vater“. Da soll ich wieder hin“? Die Frau seufzte ganz leicht. Stefanie erschrak, war das jetzt wieder falsch gewesen? „Stefanie“, sagte die Stimme am Telefon sanft und ernst. „Ich möchte jetzt gerne mit Sarah sprechen, das geht aber nur wenn du ruhig und entspannt bist“. „Aber hier ist keine Sarah, hier ist niemand, hab ich Ihnen doch gesagt! Nur ich, ich hab jeden Raum durchsucht.“ Sie spürte, wie ihr wieder die Tränen in die Augen stiegen. Was wollte diese Frau? „Mach einfach mal die Augen zu und stelle dir vor, daß du dich umdrehst. Was siehst du dann?“ „Die Wand! Hinter mir ist die Wand!“ „Bitte vertrau mir Stefanie, ich will dir wirklich helfen. Wenn du die Augen schließt und dir vorstellst, daß du ganz nach innen gehst, an einen sicheren Ort, dann kannst du dich eine Weile ausruhen, und später sprechen wir wieder miteinander. Ist das in Ordnung?.“
Also, ich habe am Anfang versäumt zu sagen, daß man sich von diesen Passagen auch distanzieren sollte. Die haben ja eine gewisse Kraft. Jetzt hole ich das gerade mal nach. Bitte halten Sie guten Abstand vom Text. Ich lese noch etwas weiter:
„Sie verstand kein Wort, aber sie wollte der Frau so gerne vertrauen. Sie machte einen Versuch und schloß die Augen. Riß sie aber sofort wieder auf. „Nein, ich bin doch nicht verrückt. Immer, wenn ich die Augen zumache, passiert was, dann verschwinde ich wieder, oder wer weiß, wieviel Zeit vergeht. Dann tauche ich irgendwo auf, bin eine alte Frau, und mein Leben ist vorbei.“ „Ich verspreche dir, daß das nicht geschieht, Stefanie.“
Das hat sie damals wirklich gesagt. Verwegen, nicht wahr? Weiter im Buch:
„Ich werde dir alles erklären, wenn wir uns sehen. Dann werde ich dich zurückholen, damit wir uns kennenlernen. In Ordnung?“ “Wann denn“? „In vier Tagen.“ „Wann ganz genau?“ „Am nächsten Montag, das ist der 13. September, genau um 20 Minuten nach 5 am Nachmittag. In Ordnung?“ „Hm, ja.“ „Gut, Stefanie“, sagte die Stimme, auf der man sich so wundervoll ausruhen konnte, obwohl sie so komisches Zeug redete. „Nun schließe die Augen und gehe nach innen. Dann kannst du dir erstmal alles aus der Ferne anschauen, von einem sicherem Ort aus. Sarah wird dir helfen. Du wirst jetzt ganz ruhig und gehst nach innen. Du drehst dich um, dann gehst du langsam den Weg zurück, den du gekommen bist, und meine Stimme begleitet dich dabei.“ Stefanie schloß die Augen. Da war es dunkel, sie sah nichts. Wohin sollte sie gehen, nach innen? Wie denn? Was war das für ein sicherer Ort? Wenn es so etwas überhaupt gab.
Der Sarg von Papi war ihr gestern sicher erschienen, aber jetzt sah sie ja, wohin sie das geführt hatte. Nichts war sicher, aber ein bißchen ausruhen konnte sie vielleicht, war anstrengend genug. Ganz schön, daß es hier so dunkel war. Und warm, gemütlich. Aus der Ferne hörte sie die Stimme der Frau. Auch das war angenehm. Schöne Stimme. „Sarah“, sagte die Stimme leise aus der Ferne. „Ich möchte jetzt gerne mit Sarah sprechen. Wenn es möglich ist, daß Sarah kommt, möchte ich gerne mit Sarah sprechen.“ Alles blieb still. Die Frau sprach ruhig weiter, es fühlte sich an, als wenn eine leichte warme Decke Stefanie einhüllte. Warm und sicher. Oder wie Sonnenstrahlen, die die Haut wärmen, wenn man irgendwo auf einer einsamen sicheren Insel sitzt. „Ich bleibe einfach so lange am Telefon, bis Sarah zu mir kommt. Wenn Sarah da ist, wird sie mit mir sprechen.“ Aber da war keine Sarah. Da war niemand mehr. Minutenlang wiederholte die Frau am Telefon ihre Bitte. Gelassen, zuversichtlich, geduldig. „Wo auch immer Sarah jetzt ist, sie wird mich hören und meiner Stimme folgen.“ Nichts. „Ich spreche einfach so lange weiter, bis sie mich hört. Ich weiß, daß Sarah mich hört, sie wird zu mir kommen und mir antworten.“ Auf einmal hörte Stefanie aus der Ferne eine Stimme, besonnen und gleichmütig, hörte wie die beiden Stimmen miteinander sprachen. Wie ein Gemurmel, ohne daß sie den Sinn der Worte verstand. „Oh, hallo Nina, wie nett, daß du uns anrufst“, sagte die neue Stimme. „Nein, Sarah ihr habt mich angerufen“ erwiderte die Telefonstimme. „Schau doch mal auf die Uhr.“ „Es ist halb sechs! Uns fehlt Zeit, nicht schon wieder, was war denn los?“ „Wieviel Zeit fehlt euch denn?“ „Gegen drei waren die Kinder noch da, Wolfgang ist früher von der Arbeit gekommen, um mit Christian zum Fußballspiel zugehen. Kurz vorher hat Wolfgangs Mutter auch Barbara abgeholt, damit wir uns etwas ausruhen können. Zwei Stunden, glaube ich, mindestens zwei Stunden fehlen.“ „Sarah, was war das letzte, was ihr gemacht habt?“ „Nichts, wir haben auf der Couch gesessen, Traute hat geraucht und nachgedacht.“ „Worüber?“ „Ich glaube, wir haben an Stefanie gedacht, weil sie uns so fehlt, ihre gute Stimmung und ihrem Spaß am Leben. Wir waren so traurig, daß sie damals bei der Beerdigung gestorben ist, 18 Jahre ist das jetzt her.“ „Sarah, Stefanie ist nicht tot, sie hat mich angerufen.“ Auf beiden Seiten der Leitung war Stille. Es war so still, daß sie nicht einmal ihren Atem hörten. „Ist das denn möglich?“ fragte Sarah. „Es scheint so“, erwiderte Nina Temberg etwas hilflos. Wieder machten beide eine lange Pause. Dann fragte Sarah: „Wie geht es ihr denn?“ „Sie ist völlig verwirrt, ich habe lange mit ihr gesprochen, um sie zu beruhigen, sie hat noch nicht begriffen, daß 18 Jahre vergangen sind, seit sie das letzte Mal da war. Sie denkt die Beerdigung war gestern.“ „Ach du meine Güte.“ „Ja, aber ich glaube nicht, daß sie etwas angestellt hat, sie war nur in der Wohnung und hat versucht sich zurechtzufinden.“ „Wir hatten ja keine Ahnung“, sagte Sarah. „Wir haben überhaupt nichts davon mitgekriegt, es ist passiert, ohne daß wir irgendetwas dagegen unternehmen konnten. Meinst du, sie ist aufgetaucht, weil wir so stark an sie gedacht haben?“ „Vielleicht. Darum, Sarah, versucht bitte nicht so intensiv an sie zu denken, denn es ist wichtig, daß sie erstmal drinnen bleibt. Wir wissen nicht, was sie draußen anstellen würde, es besteht die Gefahr, daß Stefanie zu ihrer Mutter zurückgeht, wenn sie herausfindet, wo die jetzt lebt. Ich will ihr lieber alles in Ruhe erklären. Falls du aber mit ihr in Kontakt kommst, wie könntest du ihr dann helfen?“ “Ich könnte ihr die Wohnung zeigen“, erwiderte Sarah, „und sie vorsichtig auf die Familie vorbereiten.“ „Das ist gut, aber sage ihr, daß es nicht ihr Mann ist, nicht ihr Kind.“ „Natürlich“, erwiderte die Sarahstimme. Und Stefanie spürte eine Spur Ungeduld darin, als wollte sie andeuten, daß sie schon selber auf diesen Gedanken gekommen sei. Nicht ihr Mann? Natürlich nicht. Stefanie hatte keinen Mann. Sie war erst 13, sie hatte nicht mal einen Freund. Während die neue Stimme dies verwirrende Zeug mit einer gleichmäßigen Ruhe aussprach, als seien diese verrückten Geschichten vollkommen normal, bemühte sich Stefanie, die Frau zu entdecken, deren Stimme sie hörte, aber sie konnte keinen Menschen sehen. Vielleicht lag das aber auch an dem Dunst, der da über allem hing. Allmählich konnte Stefanie dem Gespräch auch nicht mehr folgen. Die Stimmen wurden zu einem Gemurmel, in weiter Ferne. Nach einer Weile wurde die Telefonstimme wieder lauter und verabschiedete sich. Stefanie spürte einen eigentümlichen Schmerz, sie nicht mehr zu hören. Wie Heimweh, als würde sie diese Stimme schon ganz lange kennen. Dann wurde der Hörer aufgelegt und das Telefonat war beendet.
Angela betrachtet das Telefon, vor dem sie stand. Hatte es geklingelt? Sie wartete einen Moment. Nein offenbar nicht. Sonst würde es ja noch einmal klingeln. Weshalb stand sie dann hier? Wahrscheinlich wollte sie gerade in die Küche gehen und Abendbrot machen und war vor dem Flurspiegel stehen geblieben, um zu überprüfen, ob er geputzt werden mußte. Sie blickte ihr Spiegelbild an, schob sich ihre Locken aus der Stirn, dachte, zum Friseur könnte ich auch mal wieder gehen, und sah auf ihre Armbanduhr. Es war kurz nach sechs. Wie die Zeit flog! Gleich mußten Wolfgang und Christian nach Hause kommen. Sie hatten sicher einen Bärenhunger von der frischen Luft und vom Fußballspielen. Sie ging in die Küche, holte Geschirr und Bestecke aus dem Schrank und deckte den Küchentisch. Sie stellte eine große Schale Frikadellen dazu, die sie vormittags zubereitet hatte. Aus dem Gemüsefach holte sie Salate, Tomaten, Gurken, Äpfel und Avocados. Schnell und routiniert säuberte sie alles und schnippelte es klein, streute gehackte Nüsse darüber und mischte eine Salatsoße. Zum Schluß schälte sie einige hartgekochte Eier, schnitt sie flink in Scheiben und dekorierte sie um den Salat. Dann noch Servietten auf die Teller, Teewasser aufgesetzt, die Arbeitsflächen saubergewischt. Fertig. Angela war eine schnelle und gute Hausfrau. Sie achtete auf die Gesundheit in ihrer Familie, wenig Fett, frisches Obst, möglichst viele Vitamine, und hübsch sah das Ganze auch noch aus. Hausarbeit machte ihr zwar keinen besonderen Spaß, aber darum ging es auch nicht. Hausarbeit war ihre Aufgabe, und ihre Aufgabe erfüllte sie eben gut. Solange sie nichts anderes machen durfte als zu Hause zu sitzen und nichts anderes tun konnte als warten, daß die Familie nach Hause kam, solange konnte sie diesen Job auch gut machen. Das hatte sie beschlossen. Fast jeden Sonntag gab es daher selbstgebackenen Kuchen, meist etwas möglichst Kompliziertes, Donauwellen etwa oder Quarkkuchen oder Hefegebäck. Am liebsten etwas mit drei verschiedenen Böden, bei dem die Gefahr bestand, daß es zusammenfiel, am Tortenboden klebte oder nicht aufgehen wollte. Aber nicht bei ihr. Was jetzt? Der Wohnzimmerteppich mußte mal wieder gesaugt werden. Sie holte den Staubsauger aus der Kammer, entrollte das Kabel, das ordentlich auf einem Haken hing und begann zu saugen. Genauso wichtig wie die Zubereitung der Mahlzeiten war ihr die Ordnung ihres Haushalts. Ihre Ordnungsliebe hatte manchmal etwas Zwanghaftes, besonders in Streßzeiten wirkte ihr energisches Bemühen um saubere Fenster, blitzende Spüle, geputzte Schuhe und aufgeräumte Schränke wie besessen. Außerdem belastete es sie sehr. „Nun laß doch“, sagte ihr Mann oft, „muß doch nicht sein, warum denn gerade jetzt?“ Was wußte er schon davon? Eigentlich war sie mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen nie zufrieden. Alles hätte immer noch perfekter sein können. Besonders das Chaos im Kinderzimmer war ihr ein Dorn im Auge, aber da hielt sie sich raus - so gut sie eben konnte, Erziehung war nicht ihre Aufgabe. Energisch rückte sie den Teppichfransen zuleibe. Wie die wieder aussahen, morgens gesaugt und jetzt schon wieder kreuz und quer, nie ordentlich, wie es sich gehörte. Hatte das Telefon geklingelt? Sie stellte den Staubsauger ab und horchte. Ja. Sie ging auf den Flur und nahm den Hörer ab. „Ja bitte?“ „Moira, du gehörst uns“, sagte eine Männerstimme. „Ja, bitte?“ „Wer ist da?“ fragte die Männerstimme. „Hier ist Moira“. „Moira, pass genau auf. Am Montag, den 13. September abends, direkt nach der Therapie fährst du zum Hauptbahnhof. Hast du verstanden?“ „Am Montag, den 13. September abends, direkt nach der Therapie fahre ich zum Hauptbahnhof.“ „Du bist dafür verantwortlich, daß alles klappt.“ „Ja.“ „Du hältst den Mund.“ „Ich halte den Mund.“ „Du vergißt sofort, daß wir telefoniert haben.“ „Ich vergesse sofort, daß wir telefoniert haben.“ Es knackte im Hörer, dann war die Verbindung weg.
Angela horchte in den Hörer hinein. Es hatte geklingelt, aber niemand hatte sich gemeldet. Das passierte heute schon zum zweiten Mal, komisch. Aber vielleicht lag es auch an dem starken Regen während der letzten beiden Tage. Da konnte es leicht falsche Kontakte und Verbindungen geben, hatte Wolfgang ihr mal erklärt. Sie packte den Staubsauger zusammen und räumte ihn ordentlich in die Kammer zurück.
*Applaus* So nun müssen wir erstmal Luft holen. Wie geht es Ihnen jetzt eigentlich? Ja, was machen wir jetzt? Wir haben noch 20 Minuten. Was möchten Sie denn?
Ich könnte noch ein wenig von der Entstehungsgeschichte des Buches erzählen. Wollen Sie noch etwas hören? Oder lieber nicht? Unterschiedliche Meinungen, aha. Ich bin jetzt an der Grenze meiner Person angekommen. Ich kann nicht diese beiden Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen. (Beschluß: weitererzählen.) Damit dieses Buch erscheinen konnte, mußte ich zweimal den Verlag wechseln. Der zweite Verlag ließ ein juristisches Gutachten anfertigen, um zu prüfen, ob ich eine pornographische Schrift geschrieben hätte. Oder eine gewaltverherrlichende Schrift. Das Gutachten kam – natürlich – zu dem Ergebnis, daß beides nicht der Fall ist. Dann gab es eine Reihe von Merkwürdigkeiten. Ich nenne nur ein Beispiel: Das Gutachten behauptete, ich hätte falsch zitiert. Ein Kapitel in „Vater unser in der Hölle“ beschäftigt sich mit Programmierung, und da beziehe ich mich auf diesen Klassiker, das Buch von Robert Jay Lifton über die Naziärzte. Lifton ist ein amerikanischer Mediziner und Professor für Psychiatrie. Der hat in den 80er Jahren alte deutsche KZ-Ärzte interviewt. Das Ergebnis ist sein Buch, „Ärzte im Dritten Reich“. Sehr empfehlenswert. Darin gibt es ein Kapitel, in dem er über die Doppelung der Persönlichkeitsstruktur von KZ-Ärzten schreibt, von denen viele nach 1945 als gute bürgerliche Hausärzte ihre Praxen weitergeführt haben. Sie wurden dann von ihrer Umgebung als freundliche Menschen, gute Ärzte wahrgenommen. Besorgt, liebevoll. Und Lifton dachte damals darüber nach, wie das möglich war. Lifton hat sich außerdem viel mit Konditionierung, Programmierung beschäftigt. Ebenfalls mit Sekten. Und in diesem einen Kapitel seines Buches über die Naziärzte spricht er von der Doppelung der Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen. Ich zitiere daraus in meinem Buch, und der Jurist, der mein Buch geprüft hat, kam zu dem Ergebnis, ich hätte das erfunden, er besäße das Buch von Lifton auch, und so ein Kapitel gäbe es darin gar nicht.
Nun ist so etwas ja leicht zu überprüfen. Ich fand es jedenfalls als Phänomen faszinierend, daß ein deutscher Jurist in einem Buch, das man in jedem Buchladen kaufen oder bestellen kann, gerade dieses Kapitel nicht auffinden kann. Er hatte es abgespalten. Na ja, derartige Spaltungsphänomene begegnen einem häufiger, wenn man sich auf diesen Bereich einläßt. Ich habe das Lifton-Kapitel dann kopiert und ihm zugeschickt. Eine Antwort bekam ich nicht.
Der Verlag war wohl ein wenig verunsichert durch die Thematik. Deshalb gab es Treffen zwischen dem Verleger und der Anwältin von Angela Lenz sowie der ermittelnden Kommissarin und einem Sektenfachmann, der diesen Fall auch kannte. Alle bestätigten die Glaubwürdigkeit von Angela Lenz. Auch die Dokumente, wie zum Beispiel Angelas Rentenbescheid nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz), waren vom Verlag geprüft worden. Jede einzelne Behauptung habe ich belegt. Daher besitzt das Buch einen ungewöhnlich ausführlichen Anhang. So war ich also über Wochen damit beschäftigt, anderer Leute Bücher zu kopieren, um zu belegen, daß ich richtig zitiert hatte.
Was auch immer der Grund für diese Aktion gewesen sein mag, jedenfalls ergab es sich, daß in jenem Sommer in einer Zeitschrift desselben Verlages der Vorabdruck eines Buches von Richard Ofshe erschien. Wie hieß es noch? „Erregte Aufklärung“? Ach nein, das ist von Katharina Rutschky, ich krieg die beiden immer durcheinander. „Die mißbrauchte Erinnerung“ von Richard Ofshe war es. Der Amerikaner Ofshe vertritt – jetzt sehr verkürzt gesagt – die These, ritueller Mißbrauch durch satanische Gruppen existiere nicht, sondern diese Erinnerungen wären von Therapeuten eingeredet worden. Das ist in etwa das Gegenteil von dem, was ich recherchiert hatte. Nun gut. Das Buch von Ofshe, der übrigens Mitglied im Beratergremium der amerikanischen False Memory Syndrom Foundation war, sollte zur Frankfurter Buchmesse auf dem deutschen Markt erscheinen. Das hatte ich mir für mein Buch auch gewünscht. Es hatte aber nicht den Anschein, daß dies noch gelingen könnte.
Als deutlich wurde, daß mein Verlag zu diesem Zeitpunkt weder mein Buch drucken, noch mich aus dem Vertrag entlassen wollte, nahm ich juristische Hilfe in Anspruch, um frei zu sein.
Dann fand ich einen Verlag, den Friedrich Verlag in Seelze bei Hannover, der sich meines Buches mit großem Engagement annahm. Der Friedrich Verlag gibt pädagogische und Schulbücher heraus. Zu ihm gehört die Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, und dort erschien mein Buch. Auch dort ließ man mein Buch von mehreren Fachleuten lesen, u.a. von einem Historiker, der die wissenschaftliche Genauigkeit prüfte. Plötzlich bekam ich positive Rückmeldungen noch und noch. Aus dem Verlag riefen Menschen an, die ich noch gar nicht kannte, und sagten: „as ist ja so beeindruckend, wir glauben Ihnen, daß das stimmt. Wir werden alles tun, damit dieses Buch rechtzeitig zur Buchmesse erscheint.“ Solche positiven Rückmeldungen hatte ich noch nicht gekriegt. Bis dahin war nur Kampf. Dann haben die es tatsächlich geschafft, dieses Buch, ein gebundenes Buch, innerhalb von 14 Tagen sozusagen aus dem Boden zu stampfen, damit es auf der Buchmesse erscheinen konnte. Sie hatten offenbar Spaß daran, daß es plötzlich auf ihrem Stand vorhanden war. Und bei dem anderen Verlag nicht. Für mich war das natürlich auch sehr schön. Allerdings bedeutete diese Geschwindigkeit damals auch einen Verzicht auf Werbung. Aber das Buch hat sich auch so durchgesetzt.
Bis heute bekomme ich fast ausschließlich positive Rückmeldungen. Jeder Film zum Thema, der danach in Deutschland gedreht wurde, hat von „Vater unser in der Hölle“ gelernt. Rosvita Krausz, die „Wir sind Viele“ fürs ZDF gedreht hat, war bei mir. Liz Wieskerstrauch las es, nahm Kontakt zu mir auf und sagte, nun wollte sie sich diesem Thema zuwenden. Und über sie und „Höllenleben“ hatte es Wirkung auf die Tatort-Produktion in Radio Bremen. Und so weiter. Es hat viel bewirkt, was die Angela Lenz gemacht hat. Ob das Buch ihr Schutz gegeben hat, weiß ich nicht, weil sie sich ja nie geoutet hat wie Nicki.
Gibt es noch Fragen?
Frage: Wie sind Sie auf das Thema Multiple Persönlichkeiten gekommen?
U. Fröhling: Ich habe darüber gelesen. Ende der 70er Jahre war ich in den USA und hatte mir einige Bücher mitgebracht: „Die drei Gesichter der Eva“ war eines. Ein anderes „Sybil“. Ende der 80er Jahre war ich noch mal dort. Inzwischen war „Aufschrei“ von Truddi Chase erschienen und „Die Leben des Billy Milligan“. Alles Bücher über bzw. von Menschen mit dissoziativen Identitäten. Als ich sie las, dachte ich, wenn die Amis das haben, dann haben wir in Deutschland, im klassischen Land – Entschuldigung für den Zynismus – der Folterer auch multiple Persönlichkeiten. Und ich fing an zu suchen. Anfangs schrieb ich Psychiatrien an und bekam die skurrilsten Antworten: „Sie haben das verwechselt, Sie meinen Schizophrenie.“ Oder: „Das gibt es hier nicht, das gibt es nur in den USA, und dort kommt es von Überflutung durch die Medien.“ Im Laufe der Zeit begegneten mir dann betroffene Menschen. Eine fand ich durch eine Anzeige in der Zeitschrift „Emma“. Sie hatte geschrieben: „Ich bin viele, ich suche weitere Betroffene, wie kommt ihr damit zurecht?“ Der habe ich geantwortet: „Ich bin zwar nur Eine, aber mich interessiert auch sehr, wie ihr damit zurechtkommt.“ So lernten wir uns kennen. Ich schrieb über sie und half ihr parallel dazu, einen Therapieplatz zu finden, was sie sich sehr wünschte. Ich habe mich praktisch durch die Republik recherchiert: Wer arbeitet wissenschaftlich zum Thema? Wer bietet spezielle Therapien an? Wer hat überhaupt schon Erfahrung mit Betroffenen? Es war dürftig. Auf die wenigen Therapieplätze mußte man damals lange warten. Das sprach sich allmählich herum, so lernte ich mehr Menschen aus diesem Bereich kennen. Und sehen. Da ich auch im Ausland recherchierte, lernte ich allmählich Spezialisten in den Niederlanden, in England, Kanada, den USA kennen. Ich fuhr zu Kongressen, trat ein paar wissenschaftlichen Fachgesellschaften bei. 1994 gab es bei uns den ersten großen Kongreß zum Thema, in Bielefeld. Mit einigen hundert Teilnehmerinnen. Dort bot ich eine Arbeitsgruppe an. Sie hieß: „Was ist das eigentlich: ein Ich?“ Auch Betroffene nahmen teil. Und eine Journalistin, die versuchte, verdeckte Tonbandaufnahmen zu machen. Ich konnte das verhindern. Und lernte daraus, daß ich offenbar ein brisantes Thema zu fassen hatte, bei dem Vorsicht geboten war.
Ich lernte sowohl Überlebende als auch die Beraterinnen, Helferinnen und auch erste Therapeutinnen kennen. Und schließlich eine Frau, die sagte, sie könnte sich vorstellen, ein Buch darüber zu machen. Sie hat sich also an mich gewandt und mich erst vorsichtig abgecheckt: Was ist mit der Frau? Ist die zuverlässig, oder ist sie gefährlich? Anfangs dachte ich, die Sache sei ganz einfach: Ich habe mich überzeugt, daß es rituelle Gewalt gibt, daß es multiple Persönlichkeiten gibt, daß es Satanismus gibt, daß es organisierte kriminelle Gruppen gibt, die Kinder gezielt foltern, mißbrauchen und abrichten. Ich bin Journalistin, ich habe sorgfältig recherchiert, und nun ist es meine Pflicht, das zu veröffentlichen, sonst kann ich nicht mehr in den Spiegel gucken, gerade in diesem Land.
*Applaus*
Journalistisch war ich immer ein ganz „anständiges Mädchen“. Habe nie Mist gemacht, immer aufrechte Arbeit, wurde sogar geehrt mit einem Preis für journalistische Leistung. Während der elf Jahre bei der ‚Brigitte’ habe ich eher über Themen geschrieben, um die sich die Kollegen nicht so drängten, „die Elendsthemen“ hieß das redaktionsintern. Und da dachte ich, diesen sauberen Ruf tue ich in das Thema rein, und dann müssen sie es mir einfach glauben. Das war natürlich naiv. Und ich habe gelernt, daß es umgekehrt funktioniert: das Thema schadet dem Ruf. Man kann offenbar im Null-Komma-Nix von einer seriösen, glaubwürdigen Journalistin zu einer durchgeknallten Verrückten werden. Auch das war eine interessante Erfahrung.
*Applaus*
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