Rituelle Gewalt
„Rituelle Gewalt ist eine schwere Form der Misshandlung von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern. Intention ist die Traumatisierung der Opfer. Sie umfasst physische, sexuelle und psychische Formen von Gewalt, die planmäßig und zielgerichtet im Rahmen von Zeremonien ausgeübt werden. Diese Zeremonien können einen ideologischen Hintergrund haben oder auch zum Zwecke der Täuschung und Einschüchterung inszeniert sein. Dabei werden Symbole, Tätigkeiten oder Rituale eingesetzt, die den Anschein von Religiosität, Magie oder übernatürlichen Bedeutungen haben. Ziel ist es, die Opfer zu verwirren, in Angst zu versetzen, gewaltsam einzuschüchtern und mit religiösen, spirituellen oder weltanschaulich-religiösen Glaubensvorstellungen zu indoktrinieren. Meist handelt es sich bei rituellen Gewalterfahrungen nicht um singuläre Ereignisse, sondern um Geschehnisse, die über einen längeren Zeitraum wiederholt werden.“*) … Dazugehörig sind auch Berichte über rituelle Tötungen von Tieren wie auch von Menschen, sowie Übungen für Out-of-Body-Experiences – bekannte religiöse Praktiken – um Personen in dissoziative Zustände zu bringen. Berichten zufolge werden diese dissoziativen Zustände systematisch dahingehend geformt, bestimmte Aufgaben zu übernehmen oder bestimmten Zwecken zum Vorteil der Gruppierung oder Gemeinschaft zu dienen. Andere berichtete Aspekte beinhalten die Kontrolle über den Körper, das Denken und das gesamte Leben der Opfer, [was zu dem Gefühl] der Ausweglosigkeit eines Nicht-Entkommen-Könnens führt. Die systematische Ausbeutung der Opfer durch Missbrauch, Misshandlung, Prostitution und/oder andere strafbare Handlungen wird üblicherweise gefilmt - sowohl für kommerzielle Zwecke als auch zur Erpressung aller Beteiligten. …. Andererseits werden auch die traumatischen Erfahrungen von Missbrauch und Misshandlung als normale religiöse und zeremonielle Praxis innerhalb des Glaubenssystems gerechtfertigt. Diese Form der Gewalterfahrung ist (vorgeblich) auch bereits von allen anderen Gruppenmitgliedern gemacht worden – gleichrangigen ebenso wie den Führungspersönlichkeiten – und ein immanenter Bestandteil auf dem Weg zu religiösen oder ideologischen Zielen oder zu Hierarchie-Graden der Gruppierung, welche häufig als „Wissen“ oder „Weisheit“ verklärt werden. Diese Rechtfertigung der traumatischen Erfahrungen als Grundlage für religiöse Erfahrungen gibt dem Leiden der Opfer einen grundlegenden Sinn. Im Verlauf einer Behandlung kann sich dies als extrem problematisch herausstellen, da hier Bindungen an Täter oder Tätergruppen ähnlich wie beim so genannten „Stockholm-Syndrom“ geschaffen werden. Derartige Vorgänge sind auch aus der Dynamik zwischen Folterer und Gefoltertem bekannt. All dies trägt zum Entstehen eines „spirituellen Vakuums“ bei, wenn diese Bindungen mit Hilfe von Therapie gelöst werden. … Dieses umfassende System führt zu einer Bindung an die Tätergruppe und verhindert Offenbarungen. Des Weiteren sind, so Berichte der Opfer - die sich häufig in den Biographien ihrer Familien widerspiegeln – Gruppenmitglieder gezielt in Berufen tätig, die den Zielen der Gruppe (Expansion, unerkannt bleiben, Informationen sammeln und Kontrolle auszuüben) zuträglich sind. Hierbei handelt es sich um die gleichen Strategien, die hinreichend aus der Diskussion um so genannte „Neue Religiöse Gruppierungen“ bekannt sind …
* Becker & Fröhling (1998)
(Auszüge aus: Becker, Thorsten (2008), „Organisierte und rituelle Gewalt“. In: Fliß, C., Igney, C. (Hrsg.): \footnote{Daten nicht genau: ziehen wir am 10.\ oder 20.~April um?} Stand 1.3.2009
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